Der keusche Josef

Ländliche Posse in 3 Akten von Hannes Bauer

Die ledige Anna, Haushälterin ihres verwitweten Schwagers Josef Meier, beichtet dem Dorfpfarrer, daß sie als junges und unerfahrenes Mädchen eine "kleine" Dummheit begangen und eine Tochter hat, die seit der Geburt in der Stadt aufgewachsen ist. Aus Angst vor dem sittenstrengen Schwager hat sie sich nie getraut, den Fehltritt von damals einzugestehen. Jetzt möchte sie das Mädchen aber lieber unter ihre Obhut nehmen, um zu vermeiden, daß diese die gleiche Dummheit begeht.
Zur gleichen Zeit befindet sich der so auf Moral und Sittlichkeit bedachte Josef in der Stadt, angeblich wegen einer Kindstaufe, in Wirklichkeit jedoch und weit weniger sittsam in einem Weinhaus: natürlich nicht zu seinem eigenen Vergnügen, vielmehr zur Hebung der Moral, denn als Vorstand des Sittlichkeitsvereins "Weiße Taube" ist er geradezu verpflichtet, solche Lokalitäten aufzusuchen, um andere vor deren Gefahren zu warnen. In seiner weinseligen Stimmung macht der gar nicht so keusche Josef die Bekanntschaft der reizenden Annerl und ist von ihrer frischen, jugendlich-unkomplizierten Art hingerissen.
Daß aber das Annerl bereits am nächsten Tag in die gute Stube des Josef platzt, um ihren "Teddybär" zu besuchen, womöglich auch, um sich für länger einzuquartieren, ist dem Witwer gar nicht recht, könnte doch die Verbindung ein schiefes Licht auf seinen Lebenswandel werfen. In seiner sittlichen Not gibt er sie vor dem Pfarrer als seine Nichte aus. Vollends infrage gestellt wird die Moral des keuschen Josef, als ein Amtsbruder des Pfarrer aus dem Nachbardorf schreibt, daß eines seiner Schafe als Folge einer Fahnenweihe, an dem auch Josef teilgenommen hat, ein uneheliches Kind entbunden hat und als Vater einen gewissen Josef Meier angibt: die Beschreibung dieser Person paßt genau auf den Sittlichkeitswächter.
Damit ist der Heiligenschein des keuschen Josef endgültig verblaßt, dem Verein "Weiße Taube" droht die Auflösung und dem Vorstand reichlich Ärger, wenn nicht noch Schlimmeres.